Externe digitale Lernangebote in die betriebliche Weiterbildung einbinden

22. Februar 2019 - LMS, Alle Kategorien, Zukunft des Lernens

Externe digitale Lernangebote einbinden

Autoren:
Expertenteam-LuB-Mitglied Dr. Lorenz Hucke, Gothaer Finanzholding AG 
Dr. Axel Gerstenberger, Allianz Deutschland AG
Expertenteam-LuB-Mitglied Jürgen Wentzel, Allianz Deutschland AG

Stell dir vor, in deinem Unternehmen gibt es eine Suchfunktion für Weiterbildung (nur eine, nicht mehrere). Diese Suche ist extrem performant und findet bei Eingabe deiner Interessen einfach zugängliche Lernangebote in hoher Qualität aus allen Unternehmensbereichen. Darunter viele Onlinekurse oder Videotrainings, mit denen Du sofort loslegen kannst.

Der Bildungsbereich deines Unternehmens kann genau verfolgen, wonach von Mitarbeitern gesucht wird und ob die vorhandenen Angebote genutzt werden und wie sie bewertet werden. Sobald eine Nachfrage nach einem nicht abgedeckten Thema erkennbar ist, nimmt der Bildungsbereich Kontakt mit internen Fachexperten auf und stellt innerhalb kurzer Zeit ein geeignetes Lernangebot bereit.

Genug geträumt…

Es gibt vermutlich nur wenige Unternehmen, in denen dieses eigentlich recht selbstverständlich klingende Szenario wirklich realistisch ist. Aber es gibt viele Gründe, warum dies so ist:

  • Heterogene Systeme und IT-Landschaften
  • Heterogene Zuständigkeiten für die betriebliche Weiterbildung
  • Fehlende Suchtechnologie
  • Fehlende Mitarbeiterkapazitäten im Bildungsbereich
  • Fehlende Prozesse und Expertise für die Produktion und Bereitstellung digitaler Lerninhalte

Diese und andere Probleme zu lösen, kann für Bildungsbereiche in Unternehmen ein sehr aufwändiges und zeitintensives Unterfangen sein. Da liegt es nahe, auf die zahlreichen Online-Lernangebote im Internet zurückzugreifen, die mittlerweile bezüglich Menge und Aktualität der Inhalte, Lernqualität und Benutzerfreundlichkeit von einzelnen Unternehmen kaum erreichbare Maßstäbe setzen.

Doch was bedeutet das konkret und wie passt so ein Ansatz mit der Bildungslandschaft im Unternehmen zusammen?

Online-Lernen im Internet

Der Markt für Online-Weiterbildung boomt und entsprechend zahlreich und unübersichtlich sind mittlerweile die Angebote an frei oder kostenpflichtig zugänglichen Lernplattformen im Internet. Zwei grundsätzliche Ansätze sind zu unterscheiden: Zum einen offene Plattformen, bei denen jeder Lernender oder Lehrender sein kann und letztlich die Nutzer selbst anhand von Aktivität, Nachfrage und Bewertungen selbst das Angebot steuern (z. B. Udemy, YouTube,…). Zum anderen Plattformen, die Inhalte und Qualität der Lernangebote aktiv steuern – dies jedoch wesentlich schneller, vielfältiger und dynamischer tun als es unternehmensintern möglich scheint (Coursera, edX, LinkeIn Learning, Udacity, Lecturio, FutureLearn,…).

Die Einbindung solcher Internet-Lernangebote in die eigene betriebliche Weiterbildung wirft eine Reihe von Problemstellungen auf: technische, inhaltliche, finanzielle, rechtliche und kulturelle Fragen sind zu klären. Und letztlich wird auch die eigene unternehmensinterne Weiterbildung in ein neues Licht gerückt. Intern und extern sind plötzlich nicht mehr so leicht zu trennen. Vielleicht finden die Mitarbeiter die externen Angebote ja besser als die eigenen? Können die unternehmensinternen Bildungsangebote mit diesem Anspruch Schritt halten? Wie verändert sich dadurch die Rolle des eigenen Bildungsbereichs?

Noch nicht viele Versicherungsunternehmen haben mit der Einbindung von externen, prall mit hochqualitativen Inhalten gefüllten Lernplattformen praktische Erfahrung. Der folgende Praxisbericht zeigt einige konkrete Fragestellungen und Lösungsansätze auf.

Praxis-Bericht aus einem Versicherungsunternehmen

Bei der Einführung unserer externen Video-Lern-Plattform als neues ergänzendes Angebot für die betriebliche Weiterbildung konnten wir zahlreiche Erfahrungen sammeln, welche sich auch in klassischen Software-Implementations-Projekten wiederfinden.

  • Zu Beginn unserer Projektphase kristallisierten sich folgende sechs Kernfragestellungen heraus:
  • Welche Kosten kommen bei der Einführung der Video-Lern-Plattform auf uns zu?
  • Welche Inhalte sollen auf der externen Video-Lern-Plattform angeboten werden?
  • Welche technischen Rahmenbedingungen (vor allem innerhalb unserer IT-Infrastruktur) gibt es zu beachten?
  • Welche Rahmenbedingungen haben unsere Lerner als Zielgruppe?
  • Können die Lernaktivitäten im Rahmen von IDD angerechnet werden?
  • Welche Maßnahmen und Aktivitäten können getroffen werden, um eine nachhaltige Nutzung der Video-Lern-Plattform gewährleisten zu können?

Kosten & Content

Bzgl. der Kosten stellten wir in unserer Anbieteranalyse fest, dass es kommerzielle und folglich kostenpflichtige Anbieter gibt, welche uns als Kunden sehr individuelle Inhalte zusammenstellen können.

Alternativ gibt es öffentlich zugängliche Plattformen, die ein sehr breites kostenfreies Angebot beinhalten, welches in vielen Fällen allerdings nicht unbedingt auf unsere Situation zugeschnitten war.

Wir entschieden uns letztendlich für ein kostenpflichtiges und individuell auf unser Unternehmen zugeschnittenes Angebot, welches eine sehr hohe Anzahl an Videoinhalten in einer sehr guten Qualität beinhaltet. Im Gegenzug musste ein Lizenzmodell gewählt werden, in welchem jede Einzelnutzerlizenz einen gewissen Betrag kostet.

Inhaltlich fokussierten wir uns auf Themen zur Förderung von Selbstlernkompetenz, digitalen Kompetenzen, IT-Skills (z.B. Lösung von Excel-Problemen) sowie Soft Skills. Fachliche und versicherungsspezifische Skills sollten in der neuen Plattform nicht abgebildet werden.

Technische und unternehmensbezogene Rahmenbedingungen

Bei den technischen Rahmenbedingungen waren die Hauptanforderungen zuerst einmal, die vielfältigen Anforderungen wie IT-Security (z.B. die Server müssen in Deutschland bzw. der EU stehen), Datenschutz (z.B. DSGVO), Ergonomie/Usability/Barrierefreiheit, Regelungen zu Controlling/Tracking sowie Arbeitsplatz-Sicherheit zu prüfen und diese mit den zugehörigen hausinternen Gremien (wie z.B. Betriebsrat) abzustimmen.

Da es sich bei dem ausgewählten Anbieter, um einen im Privatbereich relativ bekannten Anbieter handelt, zeigte sich eine besondere Herausforderung in einer festgestellten „Grauzone“ zwischen privat und beruflich genutzten Daten.

Nach einer umfangreichen Prüfung, welche insgesamt fast 6 Monate in Anspruch nahm, fanden wir die Lösung in der strikten Trennung des privaten und des beruflichen Accounts unserer Video-Lern-Plattform.

Der Login erfolgt in der finalen Lösung mit der unternehmensinternen E-Mail-Adresse in einem extra für unser Unternehmen erstellten Zugangsbereich. Eine Vermischung von privaten und beruflichen Account konnte damit umgangen werden.

Rahmenbedingungen der Lerner

In Bezug auf unsere Zielgruppe rückten besonders Fragestellungen in den Fokus, welche die Lernzeit, die Lerndauer sowie den Lernraum der Plattform-Nutzer betreffen.

Es mussten vor allem Regelungen getroffen werden, um den Ort der Nutzung (im Unternehmen in arbeitsplatzfernen Lernräumen, am Arbeitsplatz oder zu Hause?) sowie die Nutzungszeit und Nutzungsdauer (in der Arbeitszeit, als anrechenbare Fortbildungszeit oder als individuell geregelte Lernzeit) festzulegen.

Sehr unterschiedliche Internet-Bandbreiten an verschiedenen Unternehmensstandorten in Deutschland offenbarten sich im Vorfeld als mögliche technische Barrieren, welche zuerst behoben werden mussten.

IDD-Relevanz

Nachdem der Gesetzgeber mit IDD eine gesetzlich geregelte Fortbildungspflicht für Versicherungsvermittler und- berater europaweit eingeführt hat, war das Thema IDD und die Anrechenbarkeit der abgerufenen Lerneinheiten einer unserer obligatorischen Punkte auf der Projektagenda. Hier fanden wir eine Lösung, indem ein Prozess zu unserem konzerninternen LMS implementiert wurde, so dass Lernzeiten dokumentiert (z.B. Zertifikat) und zur IDD-Bepunktung erfasst werden konnten.

Als positiven Seiteneffekt stellten wir nach der ersten Live-Phase unserer Video-Lern-Plattform fest, dass gerade die IDD-Fähigkeit unserer Plattform zusätzlich (extrinsisch) zum selbstgesteuerten Lerner motiviert.

Vermarktung und Kommunikation

Konzeptionell einigten wir uns in der Projektgruppe darauf, dass wir unseren Nutzern ein ergänzendes, optionales und freiwilliges neues Angebot zur betrieblichen Bildung zur Verfügung stellen wollten.

Die Registrierung und Nutzung sollte komplett freiwillig erfolgen. Unsere größte Herausforderung lag nun darin, die Marketing- und Kommunikationsmaßnahmen rund um die Einführung der Plattform attraktiv zu gestalten – denn was bringt die „tollste“ und „innovativste“ Video-Lern-Plattform, wenn sie später keiner kennt?

Unter dem Motto „Fit für die Zukunft – Selbst Bestimmen, Selbst Wählen, Selbst Lernen“ wurde ein flächendeckendes Kommunikationskonzept entwickelt, welches Artikel im Intranet sowie in diversen hausinternen Medien beinhaltete. eNewsletter, Webinar-Reihen und Präsenzveranstaltungen rundeten das Konzept ab. Zudem konnten Betriebsräte und Vorstände als Sponsoren und Promotoren gewonnen werden.

Durch all diese Maßnahmen konnten wir über Monate hinweg den Bekanntheitsgrad der neuen Video-Lern-Plattform stetig erhöhen. Nach etwa einem halben Jahr im Regelbetrieb sind aktuell etwa 30% aller Konzernmitarbeiterinnen und -mitarbeiter registriert.

In unseren Diskussionen spielte aber auch das Thema „Nachhaltigkeit“ eine große Rolle, da wir den Erfolg nicht rein an quantitativen Zahlen und Anmeldungen messen wollten. Eine langfristige und nachhaltige Nutzung der Lerner sowie ein Übergang der Plattform als arbeitsnahes Arbeitswerkzeug sind uns weiterhin in der Erfolgsbewertung wichtiger als Abrufzahlen.

Fazit

Insgesamt können wir für unser Einführungsprojekt folgendes Fazit ziehen:

Die Prüfung und Umsetzung der organisatorischen Gegebenheiten, speziell die IT-Prüfungen (IT Security, Datenschutz, Ergonomie, DSGVO, usw.) war weit umfänglicher und zeitintensiver als ursprünglich angedacht und bedurfte im Projektverlauf ein „gewisses“ Durchhaltevermögen.

Seitens der Zielgruppe haben wir bislang ein sehr positives Feedback erhalten. In unserem Ansatz haben wir bewusst auf „informelles Lernen“ in einem freiwilligen Rahmen gesetzt und mussten dafür Einschränkungen im Bildungscontrolling (z.B. das aus formellen Lernkonzepten gewohnte Feintracking) hinnehmen.

Es lässt sich jedoch sagen, dass uns der Nutzen und die positiven Effekte der Video-Lern-Plattform als ergänzendes Angebot für die betriebliche Weiterbildung sehr überzeugt haben.

Aus unserer Sicht konnten wir in relativ kurzer Zeit ein verhältnismäßig kostengünstiges neues informelles Bildungsangebot anbieten, welches das selbstorganisierte Lernen im Sinne einer eigenen „Fortbildungsverantwortung“ zukunftsorientiert unterstützt.

 

 

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